Im Rhythmus - Therapie - Pädagogik - Coaching 13.05.2019

Im Fluss sein

Die Dinge erscheinen und lösen sich wieder auf.
Glücklich, wer sie friedvoll einfach nur betrachtet.

(Buddha)

Denn nur Geschöpfe der Fahrt sind wir
und unsere Gestalt ist Fluktuation.

(Botho Strauss)

Nichts steht still im Universum. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alles ist permanent in Veränderung. Nichts ist so beständig wie der Wandel (Heraklit).

Im Rhythmus können wir diese Erfahrung am eigenen Leib machen. Es kommen ganz bestimmte Zeitpunkte auf uns zu, an denen wir klatschen, schlagen oder stampfen wollen, um gemeinsam und abgestimmt mit den anderen musikalisch zu agieren. Kaum ist der Zeitpunkt erreicht und unsere Aktion ausgeführt, ist dieser eine Moment auch schon wieder vorbei und die nächste Aufgabe kommt auf uns zu. So geht das ununterbrochen, Schlag auf Schlag. Es bleibt nicht genug Zeit zum Nachdenken, Festhalten ist kontraproduktiv, und die Kontrolle durch den Verstand ist in dieser Situation eine Illusion.

Es gibt aber einen Seinszustand in dem das alles leicht handzuhaben ist. Im Auge des Zyklons ist Ruhe. Alles dreht sich um die Mitte, dort können wir in Ruhe wahrnehmen wie etwas auf uns zukommt und sich wieder von uns entfernt. Ein Pendel das hin- und her schwingt kommt immer auch am tiefsten Punkt durch die Mitte. Gelassen im Hier und Jetzt können wir den Wandel betrachten und uns daran freuen. Diesen Zustand erleben alle die - vielleicht nach ein wenig Übung - längere Zeit "im Rhythmus" sind.

Es ist eine Erfahrung von Präsenz - von anwesend sein. Ein in der Mitte ruhender Beobachter kann das alles gelassen wahrnehmen. Es ist ein Zustand in dem wir unseren Verstand ruhen lassen - denn (Nach)denken heißt etwas Zukünftiges erwarten oder etwas Vergangenes erinnern. Für das Handeln im musikalischen Rhythmus ist Nachdenken zu langsam. Im Hier und Jetzt können wir nur wahrnehmen bzw. gewahrsein. Unser Körper ist immer im Hier und Jetzt, mit ein Grund warum viele spirituelle Traditionen großen Wert auf Körperübungen legen. Im Rhythmus ist jedes Klatschen eine Manifestation von Präsenz. Jedesmal wird der Gedankenfluss unterbrochen, und die dahinter liegende Stille wird unmittelbar erlebbar.

Die fließende Körperbewegung geleitet uns von einem Moment zum nächsten. Die Hände lösen sich nach dem Klatschen und entfernen sich voneinander bis sie die größte Entfernung erreicht haben - und schon beginnt der Weg zurück zur Zusammenführung, zum nächsten Klatschen. Im Rhythmus sein heißt diese Zeit mit der Körperbewegung bzw. mit Körperbewusstsein zu "durchmessen". Der punkthafte Augenblick, in dem das Klatschen korrekt ausgeführt wird, ergibt sich durch einen kontinuierlich fließenden Bewegungsablauf wie von selbst, ohne darüber nachzudenken. Nur in der Handlung wird Rhythmus erlebbar.

Unser Wort "Rhythmus" kommt vom griechischen rhythmós (das Fließen) zu rheĩn = fließen. Siehe etwa den Fluß Rhein, oder "Panta Rhei - Alles fließt" (Heraklit). Fließen wiederum bedeutet "gleichmäßig und ohne Stocken fortbewegen". Man denke dabei an das Auf und Ab der Meereswellen, hier können wir den engen Zusammenhang zwischen Fließen und Pulsieren wahrnehmen. Ebenso bei unserem pulsierenden Herzschlag und dem Strömen des Blutes in unserem Körper.

Und so nahe ist uns Rhythmus in jedem Moment des Lebens. Wir sind Rhythmus. Die Atmung - Luft strömt ein und wieder aus, ununterbrochen bis zum Schluss. Das Herz pulsiert und pumpt das Blut durch den Körper - bis zum letzten Herzschlag. Wir gehen auf zwei Beinen, links und rechts, mit Gewichtsverlagerung und dem entsprechenden Anspannen und Entspannen von Muskelgruppen. Niemand denkt beim Gehen über das Gehen nach, sonst hätten wir auch da rasch Probleme. Kaum einmal dass wir uns unserer Atmung bewusst sind - manchmal bei einer Meditation, oder wenn wir einmal "außer Atem" sind. Der Herzschlag läuft ebenfalls meistens unbewusst ab, wird aber sehr rasch ganz präsent wenn einmal ein Puls ausbleibt oder "stolpert" - wenn wir also einmal eine Herzrhythmusstörung erleben.

Rhythmus ist auf vielen verschiedenen Ebenen in und um uns herum immer präsent. Wer das einmal erkannt hat kann auch davon ausgehen, dass es von Vorteil ist wenn man im Rhythmus heiter und gelassen präsent bleiben und sich aktiv in die Gestaltung einbringen kann. Die Freude am musikalischen und körperlichen Rhythmus ist eine wunderbare Praxis um sich mit den Tatsachen eines bewegten Lebens anzufreunden. Über das "im Fluss sein" kann man viele Worte verlieren, so wie ich das hier tue, aber - wie schon gesagt - über's Denken lässt sich das nicht erreichen, sondern nur über das Tun.

Im Übrigen bin ich der Meinung dass wir uns bald im Rhythmuskreis treffen sollten!