Im Rhythmus - Therapie - Pädagogik - Coaching 10.04.2019

Die Steinkreise von Göbleki Tepe

Göbekli2012-16

Am Anfang war das Ritual

Die Steinkreise von Göbleki Tepe erlauben einen Blick weit zurück in die menschliche Geschichte. Jetzt müssen wir umdenken: Zivilisation begann nicht mit der Landwirtschaft, sondern mit gemeinsamen Festen und Ritualen.

Der anatomisch moderne Mensch (Homo Sapiens) streift die längste Zeit als Jäger & Sammler in kleinen Gruppen umher und verbreitet sich ausgehend von Afrika über die ganze Erdkugel. Erst in den letzten 10.000 Jahren kommt es in unterschiedlichen Gegenden der Welt unabhängig voneinander zur Entwicklung von Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit. Dieser epochale Wandel wurde seit den 1930er Jahren - in Anlehnung an die "industrielle Revolution" - als "neolithische Revolution" bezeichnet. Man nimmt dabei an dass erst die erhöhte Produktivität der sesshaften Bauern genügend Nahrung, Zeit und Energie schafft, um große Gemeinschaften mit komplexen Gesellschaften hervorzubringen.

Am frühesten geschieht diese Entwicklung im Vorderen Orient. Im mediterranen Klima des "fruchtbaren Halbmonds" finden die Jäger & Sammler einen weltweit einzigartigen Reichtum an Resourcen vor. Dazu gehören - in Hinblick auf die spätere Domestizierung - mehrere Getreidesorten wie Gerste, Einkorn und Emmer, Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen, sowie die wilden Vorgänger von Ziege, Schaf, Schwein und Rind.

Seit etwa 25 Jahren werden im Zentrum des fruchtbaren Halbmonds in Göbleki Tepe (Anatolien) große kreisförmige Steinanlagen ausgegraben. Es sind dies die ersten Monumentalbauten der Menschheit, die ältesten und prächtigsten Teile dieser Megalith-Strukturen sind bis zu 11.600 Jahre alt. Bis zur Errichtung der ersten Pyramiden oder der kreisförmigen Steinbauten in Stonehenge vergehen noch 6.-7.000 Jahre! Dieses Alter fällt auch zusammen mit dem Ende der letzten Kaltzeit und dem Beginn des Holozäns, einer Zeit, in der es im Verlauf von wenigen Jahrzehnten zu einer weltweiten raschen Klimaveränderung kommt. Im Vorderen Orient wird es dabei deutlich feuchter und wärmer.

Die einzelnen Steinblöcke dieser Anlagen sind mehrere Meter hoch, viele Tonnen schwer, und reichhaltig verziert mit tierischen und menschlichen Gestalten. Erst ein kleiner Teil wurde bisher ausgegraben - aus Untersuchungen mit Bodenradar schließt man dass hier noch bis zu 20 weitere Steinkreise verborgen sind, die auch noch älter sein könnten als die bisherigen Funde. Vor diesen Funden hätte man Jägern & Sammlern die Organisation solch großer Gemeinschaftsprojekte nicht zugetraut. Hunderte Menschen müssen dabei jeweils über Monate damit beschäftigt gewesen sein diese Steinblöcke herauszuarbeiten, zu transportieren und aufzustellen.

Es wurden Zigtausende Knochen von Wildtieren gefunden, ein weiterer Beleg dafür dass es zu dieser Zeit noch keine domestizierten Tiere gab - diese finden sich erst ca. tausend Jahre nach dem Beginn von Göbleki Tepe. Und es wurden Steintröge mit Bierresten gefunden! Es scheint als ob die Menschen schon damals ein gutes Gelage zu schätzen wußten. Daran wird nun die Überlegung geknüpft ob vielleicht erst der erhöhte Bierbedarf den Anstoß zum Getreideanbau gegeben hat - oder aber die verlässliche Versorgung der vielen Menschen die dort gearbeitet und/oder gefeiert haben.

Es wurden keinerlei Anzeichen von Behausung gefunden, und man geht daher davon aus dass es sich um reine Kult- oder Ritualplätze handelt. Die Monumente von Göbleki Tepe werden häufig auch als "die ersten Tempel der Menschheit" bezeichnet. Über die Art und Weise der dort stattgefundenen Rituale kann nur spekuliert werden. Begräbniszeremonien werden eher ausgeschlossen weil bislang keine Spuren von Gräbern gefunden wurden. Ansonsten ist alles Mögliche denkbar: Initiationsriten, Ahnenkult, Heiratsmarkt, Jagdzauber, Tieropfer, die Verwendung als Sternwarte, etc.. Schriftliche Aufzeichnungen gibt es nicht, denn bis zur ersten Verwendung von Schrift in Sumer vergehen auch noch fast 7.000 Jahre.

Eines kann man aber schon feststellen: Noch vor der Entstehung von Landwirtschaft und Sesshaftigkeit haben Rituale, Glaube, oder spirituelle Bedürfnisse - wie immer man es nennen mag - die Menschen zusammengebracht und sie in die Lage versetzt gemeinsam ein großes rituelles Zentrum zu erschaffen. Die kulturelle Fähigkeit große Gruppen mit einem Gefühl von gemeinsamer Identität zu bilden wird bei der folgenden Entwicklung hin zu komplexen neolithischen Gesellschaften eine Schlüsselrolle gespielt haben.

Göbleki Tepe wurde 2018 als UNESCO Welterbe anerkannt.

Im Übrigen bin ich der Meinung dass wir uns bald im Rhythmuskreis treffen sollten! ;-)


Deutsches archäologisches Institut
Projekt Göbekli Tepe
www.dainst.org/projekt/-/project-display/21981
Tepe Telegram
News & Notes from the Göbekli Tepe Research Staff
www.dainst.blog/the-tepe-telegrams/
TEDxPrague
Klaus Schmidt - What is Goebekli Tepe?
www.youtube.com/watch?v=a2CDa5zRQR0
Talks at Google
Ian Hodder - Origins of Settled Life; Göbekli and Çatalhöyük
www.youtube.com/watch?v=zKwSg7OyvoE
First Gobeklitepe Symposium
Trevor Watkins
www.youtube.com/watch?v=sAckedr2674
gobeklitepe.info/first-symposium-on-gobeklitepe.html